Es ist Nacht. Ich sitze in dem Zimmer, dass vor einiger Zeit mal das meine war, auf einer Luftmatratze, an der Stelle, an der einst mein Bett stand, in einer Nacht, die an einen gewöhnlichen Mittwochabend anschließt, ein gewöhnlicher Mittwochabend, wie er es vor einiger Z – eit mal war, damals, als dieses Zimmer noch mir gehörte und ich ein Bett besaß, was an der Stelle stand, an der ich nun auf der Luftmatratze sitze und diese Zeilen tippe.
Ein gewöhnlicher Mittwochabend bestand zu jener Zeit aus einem Besuch einer in Dortmund befindlichen Kneipe – nennen wir sie den „Platz an der Sonne“ -, in der man zusammenkam, wenn es einem bis zum Freitag noch zu lange dauerte. Dieser Besuch war neben dem Wochenende das zweite Highlight der Woche; billiges Bier und eine Sauna voller zumeist herzlicher Menschen, die man kannte und mochte. Die Abende endeten nicht selten im Rausch und zu spät für mich, die noch einen 1,5stündigen Heimweg hatte und am nächsten Morgen nur mit Not aus dem Bett kam.
Heute war also einer dieser gewöhnlichen Abende, doch er war für kaum jemanden mehr als für mich gewöhnlich. Ich betrat mein einstiges Stammlokal. Ich kannte niemanden mehr.
Ich sah zwei drei bekannte Gesichter und weiterhin drängten sich bloß sardinenbüchsenartig viele unbekannte Personen an einander, sodass ich schiere Mühe hatte, zu den mir bekannten Menschen durchzudringen. Das darf man nicht falsch verstehen – in dieser Kneipe ging es grundsätzlich zu wie in einer Fischbüchse. Doch zu jener damaligen Zeit störte es mich keineswegs, wenn ich nämlich die Gesichter meiner Freunde am anderen Ende des Ladens erspähte und mich voll freudiger Erwartung zu ihnen durchkämpfte und, kaum am Tresen angekommen, schon mein Stammgetränk angeboten bekam.
Doch an diesem heutigen Abend zog ich nicht meinen gewohnten Weg durch die Kneipe, da niemand am anderen Ende stand, zu dem ich hätte durchdringen wollen. Ich suchte auch nicht den Gratispostkartenständer auf, um meine Sammlung zu erweitern. Ich schob mich durch die Massen von Neustudenten und Freizeithipstern und sehnte mich danach, dass es endlich spät genug sein würde, um einen Bekannten zu empfangen, dem ich etwas zu überreichen hatte.
Es tauchte noch ein guter Freund auf, mit dem ich mich eine kurze Weile lang unterhielt, bis er sehr bald schon wieder gehen musste. Und dann vermisste ich meine einstigen Freunde.
Wo waren sie?
Wieso kamen sie an diesem gewöhnlichen Mittwochabend nicht her?
Was ist passiert in diesen eineinhalb Jahren, in denen ich diese Kneipe nicht mehr besucht hatte?
Alles war wie ausgewechselt. Ich fühlte mich fremd, als würden alle Blicke, die mich dann und wann streiften, rufen „Du bist nicht von hier, du gehörst hier nicht hin!“
Es schien mir, als sei ich in einem Paralleluniversum gelandet. In der gleichen Kneipe mit dem gleichen Personal, doch mit anderen Fremdwesen, die an mir vorbeisahen und auf die ich mich nicht freute und nichts gab.
B: „Hast du denn sonst jemandem hallo gesagt?“
L: „Wem sollte ich denn hallo sagen?“
B: „Na den anderen, die du hier kennst.“
L: „Wieso sollte ich Leute begrüßen, die sich nicht einmal für meinen Verbleib interessieren? Damit sie kurz ein Hallo von sich geben und letztlich über mich herziehen?“
B: „Es wäre doch sicher interessant, sich die Reaktionen anzusehen.“
Und dann dachte ich einmal mehr über den Begriff „Freundschaft“ nach.
Freundschaft zeigt sich doch nur dann, wenn sie auf eine harte Probe gestellt wird, wie zum Beispiel durch den Umstand, dass man nicht mehr in unmittelbarer Nähe zu einander wohnt. Wenn man über 400 Kilometer von seinen Freunden entfernt lebt, sie nur alle paar Monate einmal für ein paar Tage sieht, dann stellt sich sehr schnell heraus, wer wahrlich an einem interessiert ist.
Selbst dann, wenn man nicht in regelmäßigem Kontakt zu einander steht, bemerkt man doch den Unterschied zwischen einem Freund der sich wahrhaftig über ein Treffen freut und jemandem, dessen Stimme zwar fragt, wie das Studium läuft, aber dessen Augen verraten, dass er sich nur selbst ein besseres Gewissen verschaffen möchte.
Diesen Menschen bedeute ich vermutlich heute nicht weniger als damals; es ist jedoch der Ausdruck in den Augen, der sich geändert hat. Früher war nichts Heuchlerisches dabei, wenn es an einem Abend nicht über den Smalltalk hinausging. Man sah sich ja sowieso mindestens einmal in der Woche und wusste vom Anderen, wie er sein Leben verbringt. Doch wenn dann plötzlich einer aus dem Kreis heraustritt, um ein Leben in einer größeren Entfernung zu führen, und nach einiger Zeit wiederkehrt, um einen gewöhnlichen Mittwochabend mit seinen Bekannten und Freunden zu verbringen, und diese dann plötzlich nicht mehr da sind…
Und nun sitze ich hier in diesem Zimmer, in dem ich niemals wieder so sitzen können werde, weil es aufgegeben werden wird, und frage mich, wie ich nur in diese völlig andere Welt gelangen konnte, und denke an vor zwei Jahren und vor drei Jahren und vor vier Jahren. Und ich denke an die Menschen, die ich einst kannte und mochte und die mich kannten und mochten und die nun wie ausradiert sind und muss mir eingestehen, dass ich nicht einfach in meine einstige Stammkneipe gehen kann und alles so vorfinde, wie ich es hinterlassen habe.
Wenn ich mir doch noch so sehr wünsche, dass alles gleich geblieben sein soll – es ist es nicht, denn so wie ich mich verändert habe, ohne es selbst sehen zu wollen oder zu können, so hat sich auch die Welt um mich herum gewandelt. Das sollte einem Verstandeswesen zwar klar sein, doch fällt es mir schwer, der Welt dies zuzugestehen.