Welt-Lasst mich essen was ich will-Tag

Jeder Tag ist ein anderer Tag. Ich meine das jetzt nicht im metaphorischen oder tieferen Sinn, sondern in Bezug auf Pseudofeiertage, derer es mittlerweile ungefähr 365 Stück im Jahr gibt. Allein in Deutschland. Mindestens.
Heute ist der Tag, der sich Welt-Vegetarier-Tag nennt und mir könnte vielleicht nichts egaler sein; vielleicht noch mit Ausnahme des Welt-Toiletten-Tages.

Das liegt keinesfalls daran, dass mich Vegetarismus nicht interessiert.
Ich selbst habe 2 Jahre meines Lebens aus Geschmacksgründen fleischlos gelebt. Das könnt ihr auch irgendwo weiter hinten im Archiv nachlesen. Ich habe mich allerdings nie so richtig mit dem Vegetarismus als Lebenseinstellung identifizieren können. Weil es für mich keine Lebenseinstellung war. Ich kenne die Auswirkungen, die hoher Fleischkonsum auf die Umwelt hat, vor allem, wenn der größte Teil der fleischverzehrenden Menschen nicht auf die Qualität achtet. Ich kenne die mannigfaltigen Erkenntnisse und Meinungen beider Seiten. Ich respektiere einen jeden Vegetarier oder Veganer für seine Lebenseinstellung in Bezug auf die Ernährung.

Ich dulde jedoch nicht die – wie ich sie nenne – „militanten Veganer“ (no offense mit dem Ausdruck), die mich in meiner Ruhe stören und mir ungefragt und schnippisch weißmachen wollen, dass meine Lebensführung sehr sehr schlecht ist und ich kein Tierfreund sein könne, wenn ich Wolle und Leder trage und Tierprodukte verzehre. Das ist ein Eingriff in meine Privatsphäre, den ich nicht tolerieren kann.
Noch weniger dulde ich allerdings das genaue Gegenteil dieser Menschen: „militante Fleischfresser“, die grundsätzlich jedem Menschen, der einmal kein Stück Fleisch auf seinem Teller hat, ihre Meinung mitteilen müssen, und zwar auf die zumeist unfreundlichste Art und Weise überhaupt.Da werden Nichtfleischessende gerne als „Scheiß Körnerfresser“ oder „blöde Ökos“ nicht einmal mehr nur bezeichnet, sondern gar beschmipft. Aus keinem Grund.
Höchstens aus dem Grund, dass es unter allen Fleischlosen einen minimalen Anteil derer gibt, die – wie oben beschrieben – in die Privatsphäre anderer Menschen eindringen.
Was diese Art von Mensch jedoch für mich schlimmer macht als die Veggies ist neben den Beschmipfungen aber auch die Tatsache, dass sie nicht mal argumentieren können, wieso denn jetzt bloß Vegetarismus kacke sein soll und Fleischkonsum ganz toll.
„Der Mensch ist ein Fleischfresser, das sieht man anne Eckzähne!“
„Der Mensch hat schon immer Fleisch gegessen!“
und dergleichen mehr sind die gängigsten Fleischfressersprüche, die ich kenne.
Und dass sie in einer nicht zu duldenden Art und Weise das gleiche eindringliche Verhalten an den Tag legen wie die Veganer, an denen sie sich stören, das merken die gar nicht!

Wisst ihr, Kinder… lasst doch jeden Machen wie er will, ohne gleich immer ausfallend zu werden.

Dies hier ist übrigens der originale Wortlaut meines FB-Posts, den ich dazu eben schrieb:

Liebe Nichtvegetarierinnen und Nichtvegetarier,
niemand zwingt euch, an einem Tag wie dem heutigen „Welt-Vegetarier-Tag“ rein fleischlose Speisen zu euch zu nehmen.
Vermutlich ist es 99,8% eurer Freunde, eurer Familien, der Weltbevölkerung scheißegal, was ihr esst oder auch nicht esst und wieso.
Es gibt also keinen Grund für euch, euch über Vegetarimus oder jedwede andere Ernährungs- und Lebenseinstellung negativ auszulassen, während ihr so viel Wert darauf legt, ständig zu betonen, wie sehr euch „militante Körnerfresser mit ihrem scheiß Ökogebrabbel auf den Sack gehen“.

Esst doch, was ihr wollt.
Aber bildet euch.
Lebt bewusst und lasst Anderen ihr Leben.
Tut einfach mal etwas für die Umwelt in der Zeit, in der ihr euch den Kopf über andere zerbrecht oder tut etwas für euch selbst.

Weihnachtsträume

Dienstag, 23. September 2014.
Seit beinahe 4 Wochen umgehe ich im Supermarkt höchst erfolgreich die Weihnachtsabteilung. Na ja, fast. Ich habe bislang einen Nugatbaumstamm gekauft und vom Stollenkonfekt meiner Mutter genascht. Aber der Endgegner hat mich in diesem Jahr noch nicht besiegt: Die Spekulatius!
Ich liebe Spekus. Ich liebe sie so sehr, ich denke mir quasi täglich neue Dessert- oder Kuchenrezepte mit ihnen aus. Einziges Problem: Wenn ich sie im September schon verspeise, dann möchte ich sie in der eigentlichen Weihnachtszeit nicht mehr. Aber was ist schon die eigentliche Weihnachtszeit? Also ich für meinen Teil habe Weihnachten das ganze Jahr über im Herzen.

Ich habe Weihnachten schon immer geliebt. Ich erinnere mich an schöne Abende mit meiner Familie – wobei diese sicherlich nur schön waren, weil ich noch ein kleines Kind war und die interne Familienproblematik nicht verstanden habe. Aber nennt man Weihnachten nicht ohnehin das Fest der Kinder? Ich erinnere mich an viele leckere Speisen, die meine Oma gekocht hat. Und insbesondere an 1995 erinnere ich mich. Es war das erste Weihnachtsfest, an dem ich meiner Mutter ein Geschenk gemacht habe. Ich war seit jenem Sommer in der Schule und wir haben gemeinsam kleine Büchlein, für unsere Eltern gebastelt, in denen Bilder und Beschreibungen von uns drin waren. Ich konnte es so sehr nicht erwarten, meiner Mutter das Geschenk zu geben, dass ich sie schon am 24. Dezember früh am Morgen ganz aufgeregt aus dem Bett warf. Sie wollte es da noch nicht haben, das fand ich sehr bestürzend. Außerdem war dies das letzte Weihnachtsfest, das ich zusammen mit meinem parkinsonkranken Opa verbringen konnte. Jedenfalls glaube ich, dass meine Großeltern zum Essen bei uns waren, wenngleich ich nicht sagen kann, wie mein gehbehinderter Opa die 4 Etagen zu unserer Wohnung hinaufgekommen ist. Ich bekam einen Legokoffer. Und ich durfte nicht durch’s Schlüsselloch ins abgesperrte Wohnzimmer gucken, damit ich nicht sehen konnte, wie das Christkind mit seinen goldenen Flügeln im Zimmer umherflattert.

1996 war hingegen das Jahr, in dem ich wusste, dass es das Christkind oder dergleichen nicht gibt. Seit wann genau ich mir darüber klar war, vermag ich heute natürlich nicht mehr zu sagen, aber spätestens als der damalige Partner meiner Mutter mit einer großen Tüte in die Wohnung kam, wusste ich, was Sache ist. Ich war jedoch keinesfalls enttäuscht. Stattdessen fühlte ich mich so etwas wie schuldig, dass ich nun in das Weihnachtsgeheimnis eingeweiht war, aber meiner Mutter auch nicht die Überraschung verderben wollte. So glaube ich das zumindest heute. Ist 7 eigentlich zu alt, um Weihnachten durchgespielt zu haben oder ist das noch im Rahmen?

In den letzten Jahren, das muss ich gestehen, war mir Weihnachten leider nicht mehr besonders viel Wert. In den ersten zwei Jahren nach meinem Auszug habe ich bei meinen Eltern zumindest noch den Weihnachtsbaum geschmückt. Das war mir immer sehr wichtig, obschon meine Mutter eher den Eindruck erweckte, als sei es ihr lästig. In meiner eigenen Wohnung hatte ich bislang nie Weihnachtsdekoration und ich finde sie auch nicht schön genug, um mich an zusätzlichen saisonalen Kitschartikeln zu erfreuen. Das mit dem Weihnachtsbaum hörte auf, als ich meine Katzen mit zu meinen Eltern brachte. Katzen und Tannenbaum – eh eh!
Ich muss zugeben, dass ich den Baum schon etwas vermisse.
Was geblieben ist, ist der von meiner Mutter selbstgenähte und -gestrickte Adventskalender, den sie mir jedes Jahr mit der Post nach Kiel schickt. Und jedes Jahr habe ich etwas zu meckern, weil immer gewisse Süßigkeiten darin sind, die ich gar nicht mag. Aber er ist wunderschön und ich freue mich jedes Jahr darüber. Letztes Jahr waren neben den Süßigkeiten Duftteelichter darin, die nach Schokolade rochen. Wann immer ich die Küche betreten hatte, strömte mir dieser tolle Geruch entgegen.

Nun fange ich langsam an, davon zu träumen, später mein eigenes Weihnachtsfest mit meiner eigenen kleinen Familie zu feiern. Ich bin ein Fan von der amerikanischen Weihnachtskultur und dem ganzen Weihnachtsschnickschnack.
Ich möchte später meine Kinder (und mich selbst und den Mann!) in kuschelige Weihnachtspyjamas stecken und an Heiligabend mit ihnen ein tolles Weihnachtsessen einnehmen. Vielleicht gehen wir auch zur Christmesse, falls die Kinder Lust auf ein Krippenspiel und schönen Gesang haben. Dann legen wir schöne Weihnachtsmusik auf, zünden Kerzen überall im Haus an, essen selbst gebackenen Gewürzkuchen und spielen mit den neuen Weihnachtsgeschenken. Zum Schlafen lesen wir den Kindern eine weihnachtliche Gutenachtgeschichte vor und am nächsten Morgen gibt es zum Frühstück heiße Schokolade mit Marshmallows und Zuckerstangen und was man eben sonst so frühstückt, wenn man sich vorstellt, in Amerika zu sein. Und wir haben einen Weihnachtsbaum, in den die Katzen nicht hineinspringen werden und natürlich liegt Schnee. Und die Kinder gucken Weihnachtscartoons im Fernsehen und alles ist wunderschön.

Ich liebe Weihnachten wirklich.

Quergeist – eine Nonmention

Die Frage ist: Kann man zum Querdenker werden oder ist man dazu veranlagt und muss dieses Talent oder diese, mh, Verhaltensart schlicht weiterentwickeln?
Reden wir hier von einer Charaktereigenschaft oder einer Form von Temperament, Persönlichkeit?

Ich kann nicht sagen, ob ich seit meiner Kindheit eine Art von Querdenker bin.
Du warst es.
Du bist es.
Du erzähltest mir einst davon, wie du im frühen Kindesalter bei einem Kinderpsychologen warst, weil du nichts hingenommen hast, wie es war, sondern alles ausdiskutieren wolltest.
Bewundernswert. Erschreckend. Schön und furchtbar.

Wann immer ich ein Gespräch mit dir führte – ich könnte auch jetzt keinen Ausdruck dafür finden, wie ich mich wirklich gefühlt habe -, fühlte ich mich dir geistig um Welten unterlegen. Wo auch immer ich mich in Gedanken oder einer Unterhaltung befand, lagst du doch viele Schritte vor mir. Deine Gedanken breiteten sich in Überschallgeschwindigkeit aus und man konnte dir nicht folgen. Jeden Satz begleitetest du mit deinem besonderen Lächeln und dem charakteristischen Ausdruck in deinen Augen. Nicht verspottend, nicht übertrumpfend. Vielleicht auf eine Art und Weise ungeduldig wartend auf die nächste Antwort, die du geben könntest, um einen weiteren Denkvorsprung einzuheimsen. Anregend, intensiv und mitten in den Kopf deines Partners, deines Gegners, hinein.
Ich hasste es, doch ich bewunderte dich.

„Du musst diplomatischer werden“, sagtest du. Es ist 9 Jahre her.
Diesen Satz werde ich niemals vergessen, denn er war sicher einer der bedeutensten Sätze, die jemals ein Mensch zu mir gesagt hat.
Mit diesem Satz im Hinterkopf habe ich mein Leben danach ausgerichtet, meine Umwelt nicht stur hinzunehmen und zu bewerten, sondern ihr möglichst objektiv und wertfrei zu begegnen. Ich habe gelernt, anderen Menschen ihre Meinungen zu gönnen und sie nicht mit irrationalen Pseudoargumenten auszustechen.
Ich habe gelernt, alles, was ich sagen möchte, sei es auch negativer Natur, so auszudrücken, dass es mir niemand übelnehmen könnte; resultierend im Vorteil, dass ich mich selten streite. Nicht, weil ich mich zurücknehme, sondern, weil ich niemandem zu nahe trete und niemanden mit meinen Worten verletze.
Und nicht zuletzt versuche ich, so viel wie möglich zu hinterfragen und immer eine Ecke weiter zu gehen; kritisch zu sein, skeptisch zu sein. In die Tiefe zu gehen und über den Tellerrand hinwegzusehen.

Ich verabscheue deinen Quergeist, doch gleichzeitig bewundere ich ihn.
Und manchmal fehlt es mir, die Köpfe mit dir zusammenzustecken.
Ich habe dir für nichts weiter zu danken, aber ich danke dir dafür, dass du meinen Geist herausgefordert hast.

Menschen

Du triffst Menschen. Menschen, die du kennst, oder kennenlernst, oder weder das eine noch das andere; an denen du vorbeigehst, auf der Straße, in der U-Bahn. Menschen, die du so gern kennen würdest, in die du vernarrt bist, die dich beständig verfolgen wie ein Phantom.

Diese Menschen lassen dich Bücher kaufen, über die du mit ihnen geredet hast, oder die sie verfasst haben, oder die sie schlichtweg mögen, denn diese Menschen inspirieren dich, verdrehen dich, beflügeln dich und du möchtest dich bilden in dem Metier, das dich an ihnen so anregt und vielleicht träumst du auch von ihnen.

Menschen können so wunderbar sein.

Manche sind es wirklich. 

Zitat

„Wir haben allen Grund, am Verstand der Menschen zu zweifeln. Unendlich große Aufgaben liegen vor uns. Der Weltraum öffnet sich uns. Wir könnten hinausgehen zu den anderen Planeten, vielleicht sogar zu den anderen Sternen! Mit den vielen Milliarden, die für die Rüstung ausgegeben werden, könnte die Erde in einen blühenden Garten verwandelt werden. Es brauchte niemanden mehr auf der Erde zu geben, der hungert. Doch wir Menschen tun nicht das, was uns die Vernunft eigentlich eingeben müsste. Wir erfinden immer schrecklichere Waffen und bilden uns dabei ein, dass sie dem Frieden dienen.“

aus „Science-Fiction Dokumente – Orbit Challenger

Zeitgemäße Liebe

Montagmorgen, kurz nach 8.
Ich öffne Facebook.
„XY nimmt an Veranstaltung Bla teil“ – irgendwas mit Polyamorie. Und plötzlich drängt sich der Gedanke wieder auf, der in den letzten wenigen Jahren immer mal wieder entstanden ist: ist monogame Liebe eigentlich noch zeitgemäß?

Das ist in erster Linie kein Gedanke, der aus mir persönlich heraus kam. Ich fand meine monogamen Beziehungen immer völlig normal und würde an dem Konzept für mich nichts ändern wollen. Man muss eben vielleicht mit der Einschränkung leben, dass man für den Rest seines Lebens nur noch diese eine Person küsst, wenn dort die „Grenze des Duldbaren“ ist.
Dieser Gedanke kam vielmehr von außen, durch Unterhaltungen mit anderen Menschen, die eine andere Form von Beziehungsführung ausleben.
Gegen das Konzept „mehrere Menschen lieben“ habe ich nichts einzuwenden. Ich behaupte nicht, dass es nicht möglich sei, aufrichtige Gefühle für mehr als eine Person zu haben. Nein, ich denke, dass das wirklich noch die kleinste Hürde ist.
Was mich am Prinzip Polyamorie oder Polygamie stört ist, wie die Menschen, die diesen Weg gehen, den „Ottonormalliebenden“ wie wir gegenüberstehen.
Bist du in einer monogamen heterosexuellen Partnerschaft? Igitt, wie 1960 bist du denn? Das ist doch vergeudete Sexenergie!
Halten wir fest: Monogamie ist out. Wer weltoffen sein will, hat gefälligst mehrere Partner zu haben; so hat jeder ganz viel Spaß und niemand stellt Besitzansprüche. Achso, und die so genannten „Heten-Ehen“ sollten ja konsequent abgeschafft werden. Homosexuelle sollen heiraten, aber Heteros sollten sich ihre sexuelle Energie bitte lieber dafür aufsparen, mit möglichst vielen Menschen zu „verkehren“ – abgesehen davon, dass Heterosexualität wiederum auch alles Andere als weltoffen ist.

An dieser Stelle möchte ich bitte untermauern, dass auch diese nicht meine Gedanken sind, sondern ich gerade reine Satire betreibe. Vielleicht auch Polemik, das will ich nicht abstreiten. Denn diese Art von Diskussion hatte ich in letzter Zeit nicht nur einmal und ich fasse es nicht, was mir damit eigentlich unterstellt wird. Im Endeffekt implizieren diese Aussagen nämlich, dass ich mir doch gefälligst selbst aussuchen könne, welches Geschlecht ich liebe und wie viele auf einmal. Einem Homosexuellen wird es gleichzeitig abgesprochen – der kann nichts für seine Sexualität. Ich schon, ich bin ja ne blöde Hete. Ahaha.
Es ist auch okay, dass heutzutage der Trend eher in Richtung offene Beziehungen in alle Richtungen geht. Allerdings vertrete ich dabei nicht die Meinung, dass dies besonders weltoffen ist, sondern vielleicht eher sowas wie „nicht super konsequent“ oder „vielleicht auch ein bisschen feige aus Angst davor, verlassen/betrogen/enttäuscht zu werden“. Man kann nicht betrogen werden, wenn es ein Betrügen im sexuellen Sinne nicht gibt. Man kann dennoch emotional betrogen oder hintergangen werden, denn was dazu gehört, ist eben aufrichtige Zuneigung und Ehrlichkeit. Was in polyamoren Beziehungen vermutlich nicht vorhanden ist, ist der „Besitzanspruch“, den man an seinen Partner hat. Vielleicht generell sogar weniger Eifersucht, aber vor allem fehlt in meiner Vorstellung davon der Gedanke, dass der Partner einem gänzlich verpflichtet ist und „nur einem selbst gehört“. Wir wissen natürlich alle, dass diese Besitzgedanken absurd und schädlich sind, aber fühlen wir doch mal alle für einen kurzen Moment in uns hinein… Denken wir nicht so? Können wir uns ganz von diesem Besitzanspruch freimachen?
Ich kann es nicht, das gebe ich ehrlich zu.
Ich möchte, dass mein Partner mein Partner ist.
Und ich finde das weder unzeitgemäß noch falsch.
Es ist meine Art der Beziehungsführung und wenn mein Partner das auf die gleiche Art und Weise sieht wie ich, dann brauche ich mir ja keine Sorgen darüber machen, dass es falsch sein könnte. Oder dass andere Menschen es falsch finden könnten.

Ich kann frei entscheiden, was ich esse, wie ich mich kleide, was ich kaufe und was nicht, ob ich mit dem Auto oder mit dem Fahrrad fahre, ob ich Kinder haben möchte oder nicht.
Aber ich kann nicht frei entscheiden, wie viele Personen ich liebe und welches Geschlecht diese haben.
Und darum möchte ich mich auch für meine Sexualität nicht rechtfertigen müssen und von einem Menschen, der das Konstrukt Liebe anders begreift als ich, nicht behandelt werden wie ein Fleischesser von einem militanten Veganer.
Ich möchte mich nicht insgeheim dafür schämen müssen, dass ich einfach nur eine Person liebe und diese auch mit keiner anderen „teilen“ möchte.
Ich möchte einfach so lieben, wie ich es nun einmal tu. Denn das ist etwas, in das mir die Gesellschaft nicht reinreden darf.
Danke.

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Und falls jetzt irgendjemand auf die Idee kommt, mir unterstellen zu wollen, ich hätte in diesem Artikel irgendetwas gegen irgendeine Gruppe von Menschen gesagt, möchte ich mich gern noch mal davon distanzieren. Ich diskriminiere hier niemanden, mit Ausnahme vielleicht von den Menschen, die meine sexuelle Orientierung oder Beziehungsführung nicht tolerieren.

Der Mann mit den blauen Augen

Ich schrecke aus dem Schlaf hoch. Es hat an der Tür geklingelt – vermutlich die Frau vom Express, die klingelt immer am Samstagvormittag. Du liegst neben mir, knurrst etwas vor dich hin und drehst dich um. Ich stehe auf, um die Tür aufzudrücken und mich gleich wieder hinzulegen, doch als ich keine Frauenstimmt „Zeitung!“ rufen höre, werde ich stutzig. Ich schließe die Schlafzimmertür und öffne vorsichtig die Wohnungstür. Vor mir steht der Mann mit den blauen Augen.
Tausende Male hatte ich mir im Laufe der letzten Jahre ausgemalt, wie ich dieser Situation begegnen würde, wenn sie einmal eintreten sollte; hatte mir verschiedenste Szenarien ausgemalt, vom einfachen Türvordernaseschließen bis hin zu stundenlangen Unterhaltungen über den Sinn und Zweck von Begegnungen und Perspektiven für einen zukünftigen Umgang. Letztlich hatte ich jeden einzelnen Gedanken mit einem inneren Kopfschütteln verworfen, da es keine erwähnenswerte Wahrscheinlichkeit für das Eintreten dieser Situation gegeben hat.
Nun steht er vor mir, seine Mundwinkel zu einem leichten Lächeln ansetzend, sich jedoch über die Unangemessenheit dieser Reaktion klarwerdend, beherrschend und mich mit fester jedoch unsicherer Miene ansehend. Einen Moment lang sehen wir uns regungslos an, bis ich die Tür weit öffne und er eintritt. Er folgt mir in die Küche und ich bedeute ihm wortlos, sich zu setzen.
Während ich Kaffee koche, wage ich es nicht, mich zu ihm umzudrehen. Sein Atem und das kurze, mehr seufzende leise Aufkichern lässt mich erahnen, dass er die Postkarten an meiner Küchenwand ansieht. Ich versuche, einen Gedanken zu fassen, Worte zu bilden, die ich sagen könnte, doch in meinem Kopf herrscht nur eine Stimme. Seine.

Ich weiß, dass ich Dich liebe, aber ich kann auch nicht bestreiten, dass ich nach so einer langen Zeit noch Gefühle für sie habe.

Schweigend stelle ich zwei Kaffeetassen und Milch auf den Tisch und setze mich ihm gegenüber. Ich schenke uns beiden den Kaffee ein und sehe ihn an. Er schaut an mir vorbei aus dem Fenster, seine Pupillen erweitern und verengen sich unablässig und seine Kiefermuskeln zucken, wie sie es immer tun, wenn etwas ihn emotional oder geistig erregt.
Ich blicke in meinen Kaffee.
Ich höre das Knatschen seiner Schuhe auf dem PVC. Er ist nervös und wackelt mit dem Bein.
Ich rieche sein Haar. Den gleichen Geruch wie zehn Jahre zuvor.

Er räuspert sich, doch er sagt nichts.
Ich fühle sein Herz durch den Tisch, der uns trennt hindurch fest schlagen.
Er räuspert sich noch einmal.
„Du lebst schön hier.“
Ich blicke weiterhin in meinen Kaffee und antworte nicht.
Er schweigt wieder.
Ich höre draußen die Nachbarin nach ihrem Hund rufen.
„Erinnerst Du Dich an den Traum, von dem ich Dir einmal erzählt habe?“, fragt er.
„Ich stand in der Tür, während Du an einem Kinderbett saßt. Wir redeten zweimal darüber. Beim ersten Mal sagtest Du, der Traum hätte abrupt geendet, doch beim zweiten Mal hast du gesagt, er ging weiter.“
„Ich hatte diesen Traum nicht nur dieses eine Mal. Ich habe ihn immer mal wieder geträumt.“
„Du hast mir nie erzählt, wie er weiterging.“
Er nimmt einen Schluck aus seiner Tasse und schweigt eine Weile.
„Ich habe ihn lange Zeit verdrängt. Jeden Morgen, wenn ich aus diesem Traum erwacht bin, habe ich mich etwas Anderem zugewandt, um ihn zu vergessen.“
„Du hast alles verdrängt, was mit mir zu tun hatte.“
„Ja.“
Es klingelt erneut an der Tür, doch ich bleibe sitzen. Es ist die Frau vom Express, der ein Nachbar die Tür aufdrückt.
„Ich habe alles versucht zu verdrängen, aber es hat mich immer wieder eingeholt. Mir ist beim Umzug die alte Videokassette in die Hände gefallen, auf der nur das Ende von Forrest Gump ist, und ich musste plötzlich… Aber ich war nicht alleine. Ich habe mich an vielen Abenden betrunken, aber im Traum warst Du doch wieder bei mir. Es ist, als wäre alles, was Du jemals gesagt hast, in meinem Kopf und als würdest Du beständig auf mich einreden.“
„Du hattest genug Zeit, Dich bei mir zu entschuldigen und mir die Chance zu geben, Dir zu verzeihen. Du hast es aber nie getan und hast stattdessen Dein falsches Leben weitergelebt.“
„Ich habe mich verändert. Ich bin ein anderer Mensch geworden.“
„Du solltest kein anderer Mensch werden, sondern Du selbst.“, sage ich.
Ich verkneife mir die Wuttränen, die mir in die Augen steigen.
„Ich dachte, ich hätte Dir verziehen. Ich wollte es. Ich wollte, dass es nach diesen ganzen Jahren ein Ende hat, da ich es für mich selbst als Schwäche empfunden habe, nicht darüber hinwegzukommen, was Du mir angetan hast. Aber ich kann Dir nicht verzeihen, denn das würde bedeuten, dass ich es unterstütze, dass Du Dich niemals bei mir entschuldigt hast. Und das kann und will ich nicht.“

Ich stehe auf und gehe zur Wohnungstür. Er folgt mir. Ich öffne die Tür und blicke zu Boden, während er geht.
Ich lege mich wieder ins Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf.
„Wer war das?“, fragst du.
„Es war mein früheres Leben.“
„Blödsinn. Zeitreisen sind gar nicht möglich.“
„Ja, so etwas Ähnliches habe ich auch gesagt“, sage ich.

PsyFaKo oder die ganz große Liebe

Die letzten vier Tage verbrachte ich in der verwunschenen kleinen Stadt Stendal auf der PsyFaKo – der bundesweiten Fachschaftentagung der Psychologiestudiengänge, die einmal im Semester stattfindet. Dieses Mal war es meine fünfte Konferenz und im Zuge dieser Tagungen besuchte ich schon die Universitäten/Hochschulen in Osnabrück, Bamberg, Düsseldorf, Jena und nun also den Standort Stendal der Hochschule Magdeburg-Stendal.
Auf den Tagungen liegt der Fokus auf der Ausarbeitung gemeinsamer hochschulpolitischer und -sozialer Themen, die alle Psychologiestudierende und spätere potentielle PsychotherapeutInnen in Ausbildung (kurz: PiA) in Deutschland betreffen. Man verbringt also ein verlängertes Wochenende damit, mit vielen wunderbaren Menschen, viel Pfeffi und viel gutem Essen zusammenzusitzen und was dabei niemals fehlen darf, ist nicht bloß die Interaktion auch im privaten Bereich, der Pfeffi und die Feierei in trashigster 90er-Atmosphäre, sondern vor allem die Tatsache, dass alle Beteiligten mit ihrem vollen Herzen dabei sind.
Wer auf seiner ersten Konferenz gute Erfahrungen gemacht hat und es sich im weiteren Studienverlauf zeit- und aufwandstechnisch erlauben kann, der wird wieder und wieder die PsyFaKo besuchen und so trifft man mit einer verlässlichen Beständigkeit einige Menschen in jedem Semester. Und irgendwann entsteht diese gewisse Verbundenheit mit einander, obschon man sich zwischen den Konferenzen zumeist nicht sieht und vielleicht nicht einmal anderweitigen Kontakt oder gar eine wirkliche Freundschaft pflegt. Doch wenn man sich wiedertrifft, dann weiß man sicher, dass dieses feste Band der Gemeinschaft und in gewisser Weise auch Gleichheit zwischen den Menschen besteht. Dann kann man sich ehrlichen Herzens auf einander freuen und wie in meinem Fall auch ehrlichen Herzens traurig wieder auseinander gehen.
Denn irgendwann gelangt jeder einmal an das Ende seines Studiums und somit auch im Normalfall an das Ende seines PsyFaKo-Engagements.

Und so stehe ich jetzt ehrlichen Herzens traurig an dem Punkt, an dem ich der Tatsache ins Auge sehen muss, dass ich einige Menschen, die ich in den letzten zwei Jahren in mein Herz geschlossen habe, möglicherweise kein weiteres Mal auf einer Konferenz sehen werde. Natürlich kommen immer neue Gesichter hinzu, die wiederkehren und die man ebenso lieb gewinnen wird. Natürlich besteht immer die Möglichkeit, den Kontakt über Entfernung und Dauer aufrecht zu erhalten. Doch dieses einmalige Konferenzgefühl wird sich nicht mit diesen Personen fortsetzen und das fällt mir schwer zu begreifen.

Darum habe ich an diesem Wochenende nicht daran gespart, diesen Kommilitonen aus verschiedensten Regionen zu sagen, dass ich sie wirklich gern habe und eine wahrhaftige Form von Liebe für diese Konferenz und ihre Teilnehmer empfinde. Und dies kann ich nicht stark genug betonen.

Wer sich dafür interessiert, wie diese Konferenz gestaltet ist, der darf sich dieses schicke Video ansehen – nur echt mit den Bärbelbären, unseren Kieler Fachschafsmaskottchen, am Ende des Films (;

Auf Reisen 1

28.11.2013
Hamburg Airport

Flugzeuge starten, Flugzeuge landen. An der Fassade der Widerhall der Motoren und Turbinen. Mein Herz ist weh, nicht ob der Ferne – ob der Lüfte. Die winzigen Autos und die majestätischen Vögel; ein Miniaturwunderland voller Träume, nach Wegen, Zielen, nahen oder fernen Freuden.
Die Lüfte sind es, zu denen es mich zieht, ganz egal, ob das Ziel nah oder fern sein mag. Das kurze Gefühl der Schwerelosigkeit, der Untrennbarkeit von den Wolken, das ich zu lang nicht mehr verspürt habe.

Über das Irren und die Reue

Auf langen Zugfahrten kommt man ja so manches Mal dazu, Dinge zu tun, für die einem gewöhnlicherweise die Zeit oder Muße fehlt. In meinem aktuellen Fall, wie auch im Falle vieler anderer Reisender, ist eine dieser Beschäftigungen das Lesen. Bevor ich also meine heutige Reise in Würzburg begann, ging ich in den Presseladen, um ein Buch zu kaufen, da mein Tablet, das ich normalerweise als E-Book Reader nutze, vorübergehend außer Gefecht gesetzt ist. Ich hatte Glück, denn ich fand einen Roman von Paulo Coelho, einem Schriftsteller, den ich doch sehr schätze.

Erst auf der Hinreise am vergangenen Mittwoch las ich „Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte“, jedoch nur etwa bis zur Hälfte, da das E-Book leider unvollständig war. Nun fand also „Brida“ ihren Weg in meine analoge Buchsammlung.

Wie es nun einmal typisch für die Werke von Coelho ist, handelt auch dieser Roman ganz maßgeblich vom Glauben und von Gott. Coelho begleitet die Charaktere durch eine Phase ihres Lebens, in der sie sich zumeist in deutlicher Zerrissenheit befinden; Zerrissenheit zwischen ihrem Handeln und ihren Gefühlen, ihrer Vernunft, ihrer Liebe und dem Glauben. Dann taucht eine Person auf, die das Leben der Hauptfigur umkrempelt und ihr aufzeigt, dass ihr Glaube sie auf den rechten Weg führen wird. Der rechte Weg?
Ich begann zu sinnieren.
Meiner Meinung nach versucht Coelho jedoch keinesfalls, dem Leser einzubläuen, dass es für jedes Handeln einen richtigen und einen falschen Weg gäbe –  nein, ganz im Gegenteil stellt er doch klar, dass es wichtig ist, sich auch einmal zu irren.

So wird Brida, der Protagonistin des gleichnamigen Werks, auf ihrer Suche nach den Antworten auf die Fragen ihres Lebens und die Ausbildung in ihrer Gabe (denn kurz gesagt ist sie eine Hexe), von ihrer Meisterin und dem Magier vermittelt, dass es wichtig sei, keine Angst davor zu haben, sich auch einmal zu irren und dass man keinen Schritt seines Lebens, den man rein aus der Intuition heraus gegangen ist, bereuen sollte. Die Erklärung ist dabei ungefähr folgendermaßen:

Du befindest dich in deinem ganzen Leben, sprich deiner aktuellen Inkarnation, in einer Mission, die du zu erfüllen hast; der Suche nach Erkenntnis und Weisheit und vor allem nach dem Anderen Teil, also deinem „Seelenpartner“, der dich vervollkommnet sowie auch du ihn vervollkommnest. Diese Mission, die ist also dein Weg, den du beschreitest.

„Man musste Risiken eingehen, sich für bestimmte Wege entscheiden und andere aufgeben. […] Das Schlimmste war, zu wählen und sich den Rest des Lebens zu fragen, ob man richtig gewählt hatte. Kein Mensch kann eine Wahl treffen, ohne dabei Angst zu haben.“

Dabei ist es fast nicht wichtig, welche Abzweigung du einschlägst, ob du auch mal rückwärts gehen musst, um aus deinen Fehlern zu lernen, solange du doch nicht stehenbleibst. Du darfst dich irren, du darfst zweifeln. Zweifel ist gut, denn er führt dazu, dass man nicht stehenbleibt, sondern immer weitergeht.

„Höre nie auf zu zweifeln. Wenn du keine Zweifel mehr hast, dann nur, weil du auf deinem Weg stehengeblieben bist. […] Aber achte auf eines: Lass nie zu, dass Zweifel dein Handeln lähmen. Treffe auch dann immer die notwendigen Entscheidungen, wenn du nicht sicher bist, ob deine Entscheidung richtig ist.“

Und mit dieser Erklärung sagt Coelho genau das, was auch ich mir für mein Leben denke. Was ich dachte, bevor ich wusste, dass er es dachte. Weil es für mich der einzig sinnvolle Weg ist, ein Leben in relativem Frieden und Glück zu führen. Man neigt dazu, sich zu oft selbst unter Druck zu setzen mit den Fragen „Ist das jetzt eigentlich richtig, was ich gerade mache? Wird es für immer der richtige Weg sein? Was ist, wenn ich mich irre? Was denken die anderen?“ und im Endeffekt kann vermutlich niemand sagen, dass er sich wirklich von diesen Gedanken freigemacht hat. Es ist auch nicht wichtig, sich gänzlich davon zu befreien, finde ich. Wichtiger ist, seine eigenen Entscheidungen zu akzeptieren und sie nicht zu bereuen, sich nicht dafür zu schämen. Natürlich habe ich mich in meinem bisherigen Leben für falsche Wege entschieden. Aber wieso sollte ich bereuen, was ich getan habe? Wieso sollte ich bloß bereuen, mich falsch entschieden zu haben? Natürlich, in solchen Momenten kommt immer der Hammer von oben (von einem Gott, der Vorsehung, etc.), doch ohne dies würde man keinen lehrreichen Schluss aus seinem Handeln ziehen können.
Der weitere Schritt ist dann, sich vor Augen zu führen, was man gerade eigentlich falsch gemacht hat und daraus zu lernen, wie man es nicht machen sollte. Sollte man sich auch öfter irren, so gelangt man doch irgendwann immer an den richtigen Punkt; die nächste Zwischenstation vor dem Ziel.

So ist es wohl in allen Bereichen des Lebens.
Du bist zielstrebig in der Schule und gehst an die Uni. Woher weißt du, ob du wirklich das richtige Studienfach gewählt hast? Es ist okay, zu zweifeln; auch nach drei Jahren des Studiums tu ich das und ich werde es auch nach 15 Jahren im Beruf weiterhin tun. Denn vielleicht werde ich mich mit 50 Jahren umorientieren und Schreinerin werden.
Du warst nicht zielstrebig in der Schule, warst eines von diesen Arschlochkindern und bereust nun, dass du nicht besser warst, nicht dein Abitur gemacht hast? Reue hilft dir da auch nicht; sie führt höchstens dazu, dass du in deinem ganzen Gram stagnierst und völlig übersiehst, was du mit den anderen Dingen, die du innerhalb und außerhalb erreicht hast, in deinem Leben tun kannst.
Und nicht zuletzt ist doch die Frage nach der Liebe eines der größten Mysterien des Lebens. Immerzu sind wir auf der Suche nach dem Partner für’s Leben. Wir glauben daran, dass es diese eine Liebe gibt und alsbald kommt jemand daher, der diesen Glauben zerstört. Wir finden in den ersten 30 Jahren unseres Lebens keinen Menschen, der uns das Gefühl vermittelt, dass diese Liebe unbesiegbar ist und dann ziehen wir uns enttäuscht in unsere Schneckenhäuser zurück mit diesem forever alone-Gefühl, da alle anderen ja schon den Partner ihres Lebens gefunden und ihn gehreiratet haben und man selbst im Leben niemals glücklich sein wird. Und man fragt sich, was man wohl falsch gemacht hat, dass einen das Leben so bestraft.

Coelho schildert auch diesen Sachverhalt in seinen Werken. In „Brida“ haben die Meister der Sonnen- und Mondtradition einen entscheidenen Vorteil, denn sie können durch ihre Weisheit ihren Anderen Teil an einem leuchtenden Punkt über der linken Schulter entdecken. Aber natürlich hat auch dies einen großen Nachteil, denn so wissen sie zu jeder Zeit ganz genau, welcher Mensch nicht der Partner ihres Lebens ist. So leben sie in Einsamkeit, bis das Schicksal ihnen den richtigen Anderen Teil hinhält, weil es zwecklos ist, sich in einen Menschen zu verlieben, bei dem man weiß, dass man nicht bis an sein Lebensende mit ihm zusammen sein wird.
Wir Normalsterblichen wissen allerdings, dass wir genau gar nichts wissen. Wir verlieben uns und müssen zweifeln, ob dieser Mensch nun für immer an unserer Seite sein wird, ob er die eine wahre große Liebe ist, da wir keine leuchtenden Punkte sehen können und vielleicht auch gar nicht an solcherlei Hexenzauber glauben. Wir können es nicht wissen.
Doch Coelho lässt den Magier sagen, dass es einzig wichtig ist, daran zu glauben, dass man irgendwann diesen Menschen finden wird, der sein Anderer Teil ist. Und so sehe auch ich es.

Man sollte sich nicht den Mut nehmen lassen, an Liebe zu glauben. Man darf zweifeln und man darf feststellen, dass man sich geirrt hat. Doch man sollte eben nicht seine Zweifel an der Liebe, bedingt durch negative Erfahrungen, die man gemacht hat, die Gefühle lähmen lassen, die das Handeln bewirken. Wenn wir es schon nicht wissen können, dann sollten wir uns doch wenigstens auf unsere Gefühle verlassen.