Der Mann mit den blauen Augen

Ich schrecke aus dem Schlaf hoch. Es hat an der Tür geklingelt – vermutlich die Frau vom Express, die klingelt immer am Samstagvormittag. Du liegst neben mir, knurrst etwas vor dich hin und drehst dich um. Ich stehe auf, um die Tür aufzudrücken und mich gleich wieder hinzulegen, doch als ich keine Frauenstimmt „Zeitung!“ rufen höre, werde ich stutzig. Ich schließe die Schlafzimmertür und öffne vorsichtig die Wohnungstür. Vor mir steht der Mann mit den blauen Augen.
Tausende Male hatte ich mir im Laufe der letzten Jahre ausgemalt, wie ich dieser Situation begegnen würde, wenn sie einmal eintreten sollte; hatte mir verschiedenste Szenarien ausgemalt, vom einfachen Türvordernaseschließen bis hin zu stundenlangen Unterhaltungen über den Sinn und Zweck von Begegnungen und Perspektiven für einen zukünftigen Umgang. Letztlich hatte ich jeden einzelnen Gedanken mit einem inneren Kopfschütteln verworfen, da es keine erwähnenswerte Wahrscheinlichkeit für das Eintreten dieser Situation gegeben hat.
Nun steht er vor mir, seine Mundwinkel zu einem leichten Lächeln ansetzend, sich jedoch über die Unangemessenheit dieser Reaktion klarwerdend, beherrschend und mich mit fester jedoch unsicherer Miene ansehend. Einen Moment lang sehen wir uns regungslos an, bis ich die Tür weit öffne und er eintritt. Er folgt mir in die Küche und ich bedeute ihm wortlos, sich zu setzen.
Während ich Kaffee koche, wage ich es nicht, mich zu ihm umzudrehen. Sein Atem und das kurze, mehr seufzende leise Aufkichern lässt mich erahnen, dass er die Postkarten an meiner Küchenwand ansieht. Ich versuche, einen Gedanken zu fassen, Worte zu bilden, die ich sagen könnte, doch in meinem Kopf herrscht nur eine Stimme. Seine.

Ich weiß, dass ich Dich liebe, aber ich kann auch nicht bestreiten, dass ich nach so einer langen Zeit noch Gefühle für sie habe.

Schweigend stelle ich zwei Kaffeetassen und Milch auf den Tisch und setze mich ihm gegenüber. Ich schenke uns beiden den Kaffee ein und sehe ihn an. Er schaut an mir vorbei aus dem Fenster, seine Pupillen erweitern und verengen sich unablässig und seine Kiefermuskeln zucken, wie sie es immer tun, wenn etwas ihn emotional oder geistig erregt.
Ich blicke in meinen Kaffee.
Ich höre das Knatschen seiner Schuhe auf dem PVC. Er ist nervös und wackelt mit dem Bein.
Ich rieche sein Haar. Den gleichen Geruch wie zehn Jahre zuvor.

Er räuspert sich, doch er sagt nichts.
Ich fühle sein Herz durch den Tisch, der uns trennt hindurch fest schlagen.
Er räuspert sich noch einmal.
„Du lebst schön hier.“
Ich blicke weiterhin in meinen Kaffee und antworte nicht.
Er schweigt wieder.
Ich höre draußen die Nachbarin nach ihrem Hund rufen.
„Erinnerst Du Dich an den Traum, von dem ich Dir einmal erzählt habe?“, fragt er.
„Ich stand in der Tür, während Du an einem Kinderbett saßt. Wir redeten zweimal darüber. Beim ersten Mal sagtest Du, der Traum hätte abrupt geendet, doch beim zweiten Mal hast du gesagt, er ging weiter.“
„Ich hatte diesen Traum nicht nur dieses eine Mal. Ich habe ihn immer mal wieder geträumt.“
„Du hast mir nie erzählt, wie er weiterging.“
Er nimmt einen Schluck aus seiner Tasse und schweigt eine Weile.
„Ich habe ihn lange Zeit verdrängt. Jeden Morgen, wenn ich aus diesem Traum erwacht bin, habe ich mich etwas Anderem zugewandt, um ihn zu vergessen.“
„Du hast alles verdrängt, was mit mir zu tun hatte.“
„Ja.“
Es klingelt erneut an der Tür, doch ich bleibe sitzen. Es ist die Frau vom Express, der ein Nachbar die Tür aufdrückt.
„Ich habe alles versucht zu verdrängen, aber es hat mich immer wieder eingeholt. Mir ist beim Umzug die alte Videokassette in die Hände gefallen, auf der nur das Ende von Forrest Gump ist, und ich musste plötzlich… Aber ich war nicht alleine. Ich habe mich an vielen Abenden betrunken, aber im Traum warst Du doch wieder bei mir. Es ist, als wäre alles, was Du jemals gesagt hast, in meinem Kopf und als würdest Du beständig auf mich einreden.“
„Du hattest genug Zeit, Dich bei mir zu entschuldigen und mir die Chance zu geben, Dir zu verzeihen. Du hast es aber nie getan und hast stattdessen Dein falsches Leben weitergelebt.“
„Ich habe mich verändert. Ich bin ein anderer Mensch geworden.“
„Du solltest kein anderer Mensch werden, sondern Du selbst.“, sage ich.
Ich verkneife mir die Wuttränen, die mir in die Augen steigen.
„Ich dachte, ich hätte Dir verziehen. Ich wollte es. Ich wollte, dass es nach diesen ganzen Jahren ein Ende hat, da ich es für mich selbst als Schwäche empfunden habe, nicht darüber hinwegzukommen, was Du mir angetan hast. Aber ich kann Dir nicht verzeihen, denn das würde bedeuten, dass ich es unterstütze, dass Du Dich niemals bei mir entschuldigt hast. Und das kann und will ich nicht.“

Ich stehe auf und gehe zur Wohnungstür. Er folgt mir. Ich öffne die Tür und blicke zu Boden, während er geht.
Ich lege mich wieder ins Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf.
„Wer war das?“, fragst du.
„Es war mein früheres Leben.“
„Blödsinn. Zeitreisen sind gar nicht möglich.“
„Ja, so etwas Ähnliches habe ich auch gesagt“, sage ich.

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2 Gedanken zu “Der Mann mit den blauen Augen

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