Über das Irren und die Reue

Auf langen Zugfahrten kommt man ja so manches Mal dazu, Dinge zu tun, für die einem gewöhnlicherweise die Zeit oder Muße fehlt. In meinem aktuellen Fall, wie auch im Falle vieler anderer Reisender, ist eine dieser Beschäftigungen das Lesen. Bevor ich also meine heutige Reise in Würzburg begann, ging ich in den Presseladen, um ein Buch zu kaufen, da mein Tablet, das ich normalerweise als E-Book Reader nutze, vorübergehend außer Gefecht gesetzt ist. Ich hatte Glück, denn ich fand einen Roman von Paulo Coelho, einem Schriftsteller, den ich doch sehr schätze.

Erst auf der Hinreise am vergangenen Mittwoch las ich „Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte“, jedoch nur etwa bis zur Hälfte, da das E-Book leider unvollständig war. Nun fand also „Brida“ ihren Weg in meine analoge Buchsammlung.

Wie es nun einmal typisch für die Werke von Coelho ist, handelt auch dieser Roman ganz maßgeblich vom Glauben und von Gott. Coelho begleitet die Charaktere durch eine Phase ihres Lebens, in der sie sich zumeist in deutlicher Zerrissenheit befinden; Zerrissenheit zwischen ihrem Handeln und ihren Gefühlen, ihrer Vernunft, ihrer Liebe und dem Glauben. Dann taucht eine Person auf, die das Leben der Hauptfigur umkrempelt und ihr aufzeigt, dass ihr Glaube sie auf den rechten Weg führen wird. Der rechte Weg?
Ich begann zu sinnieren.
Meiner Meinung nach versucht Coelho jedoch keinesfalls, dem Leser einzubläuen, dass es für jedes Handeln einen richtigen und einen falschen Weg gäbe –  nein, ganz im Gegenteil stellt er doch klar, dass es wichtig ist, sich auch einmal zu irren.

So wird Brida, der Protagonistin des gleichnamigen Werks, auf ihrer Suche nach den Antworten auf die Fragen ihres Lebens und die Ausbildung in ihrer Gabe (denn kurz gesagt ist sie eine Hexe), von ihrer Meisterin und dem Magier vermittelt, dass es wichtig sei, keine Angst davor zu haben, sich auch einmal zu irren und dass man keinen Schritt seines Lebens, den man rein aus der Intuition heraus gegangen ist, bereuen sollte. Die Erklärung ist dabei ungefähr folgendermaßen:

Du befindest dich in deinem ganzen Leben, sprich deiner aktuellen Inkarnation, in einer Mission, die du zu erfüllen hast; der Suche nach Erkenntnis und Weisheit und vor allem nach dem Anderen Teil, also deinem „Seelenpartner“, der dich vervollkommnet sowie auch du ihn vervollkommnest. Diese Mission, die ist also dein Weg, den du beschreitest.

„Man musste Risiken eingehen, sich für bestimmte Wege entscheiden und andere aufgeben. […] Das Schlimmste war, zu wählen und sich den Rest des Lebens zu fragen, ob man richtig gewählt hatte. Kein Mensch kann eine Wahl treffen, ohne dabei Angst zu haben.“

Dabei ist es fast nicht wichtig, welche Abzweigung du einschlägst, ob du auch mal rückwärts gehen musst, um aus deinen Fehlern zu lernen, solange du doch nicht stehenbleibst. Du darfst dich irren, du darfst zweifeln. Zweifel ist gut, denn er führt dazu, dass man nicht stehenbleibt, sondern immer weitergeht.

„Höre nie auf zu zweifeln. Wenn du keine Zweifel mehr hast, dann nur, weil du auf deinem Weg stehengeblieben bist. […] Aber achte auf eines: Lass nie zu, dass Zweifel dein Handeln lähmen. Treffe auch dann immer die notwendigen Entscheidungen, wenn du nicht sicher bist, ob deine Entscheidung richtig ist.“

Und mit dieser Erklärung sagt Coelho genau das, was auch ich mir für mein Leben denke. Was ich dachte, bevor ich wusste, dass er es dachte. Weil es für mich der einzig sinnvolle Weg ist, ein Leben in relativem Frieden und Glück zu führen. Man neigt dazu, sich zu oft selbst unter Druck zu setzen mit den Fragen „Ist das jetzt eigentlich richtig, was ich gerade mache? Wird es für immer der richtige Weg sein? Was ist, wenn ich mich irre? Was denken die anderen?“ und im Endeffekt kann vermutlich niemand sagen, dass er sich wirklich von diesen Gedanken freigemacht hat. Es ist auch nicht wichtig, sich gänzlich davon zu befreien, finde ich. Wichtiger ist, seine eigenen Entscheidungen zu akzeptieren und sie nicht zu bereuen, sich nicht dafür zu schämen. Natürlich habe ich mich in meinem bisherigen Leben für falsche Wege entschieden. Aber wieso sollte ich bereuen, was ich getan habe? Wieso sollte ich bloß bereuen, mich falsch entschieden zu haben? Natürlich, in solchen Momenten kommt immer der Hammer von oben (von einem Gott, der Vorsehung, etc.), doch ohne dies würde man keinen lehrreichen Schluss aus seinem Handeln ziehen können.
Der weitere Schritt ist dann, sich vor Augen zu führen, was man gerade eigentlich falsch gemacht hat und daraus zu lernen, wie man es nicht machen sollte. Sollte man sich auch öfter irren, so gelangt man doch irgendwann immer an den richtigen Punkt; die nächste Zwischenstation vor dem Ziel.

So ist es wohl in allen Bereichen des Lebens.
Du bist zielstrebig in der Schule und gehst an die Uni. Woher weißt du, ob du wirklich das richtige Studienfach gewählt hast? Es ist okay, zu zweifeln; auch nach drei Jahren des Studiums tu ich das und ich werde es auch nach 15 Jahren im Beruf weiterhin tun. Denn vielleicht werde ich mich mit 50 Jahren umorientieren und Schreinerin werden.
Du warst nicht zielstrebig in der Schule, warst eines von diesen Arschlochkindern und bereust nun, dass du nicht besser warst, nicht dein Abitur gemacht hast? Reue hilft dir da auch nicht; sie führt höchstens dazu, dass du in deinem ganzen Gram stagnierst und völlig übersiehst, was du mit den anderen Dingen, die du innerhalb und außerhalb erreicht hast, in deinem Leben tun kannst.
Und nicht zuletzt ist doch die Frage nach der Liebe eines der größten Mysterien des Lebens. Immerzu sind wir auf der Suche nach dem Partner für’s Leben. Wir glauben daran, dass es diese eine Liebe gibt und alsbald kommt jemand daher, der diesen Glauben zerstört. Wir finden in den ersten 30 Jahren unseres Lebens keinen Menschen, der uns das Gefühl vermittelt, dass diese Liebe unbesiegbar ist und dann ziehen wir uns enttäuscht in unsere Schneckenhäuser zurück mit diesem forever alone-Gefühl, da alle anderen ja schon den Partner ihres Lebens gefunden und ihn gehreiratet haben und man selbst im Leben niemals glücklich sein wird. Und man fragt sich, was man wohl falsch gemacht hat, dass einen das Leben so bestraft.

Coelho schildert auch diesen Sachverhalt in seinen Werken. In „Brida“ haben die Meister der Sonnen- und Mondtradition einen entscheidenen Vorteil, denn sie können durch ihre Weisheit ihren Anderen Teil an einem leuchtenden Punkt über der linken Schulter entdecken. Aber natürlich hat auch dies einen großen Nachteil, denn so wissen sie zu jeder Zeit ganz genau, welcher Mensch nicht der Partner ihres Lebens ist. So leben sie in Einsamkeit, bis das Schicksal ihnen den richtigen Anderen Teil hinhält, weil es zwecklos ist, sich in einen Menschen zu verlieben, bei dem man weiß, dass man nicht bis an sein Lebensende mit ihm zusammen sein wird.
Wir Normalsterblichen wissen allerdings, dass wir genau gar nichts wissen. Wir verlieben uns und müssen zweifeln, ob dieser Mensch nun für immer an unserer Seite sein wird, ob er die eine wahre große Liebe ist, da wir keine leuchtenden Punkte sehen können und vielleicht auch gar nicht an solcherlei Hexenzauber glauben. Wir können es nicht wissen.
Doch Coelho lässt den Magier sagen, dass es einzig wichtig ist, daran zu glauben, dass man irgendwann diesen Menschen finden wird, der sein Anderer Teil ist. Und so sehe auch ich es.

Man sollte sich nicht den Mut nehmen lassen, an Liebe zu glauben. Man darf zweifeln und man darf feststellen, dass man sich geirrt hat. Doch man sollte eben nicht seine Zweifel an der Liebe, bedingt durch negative Erfahrungen, die man gemacht hat, die Gefühle lähmen lassen, die das Handeln bewirken. Wenn wir es schon nicht wissen können, dann sollten wir uns doch wenigstens auf unsere Gefühle verlassen.

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