ein etwaiger Brief

Ich saß in meiner Einsamkeit, bereitete mir eine Tasse Tee zu, nahm ein hässliches Briefpapier und einen Stift zur Hand und begann, einen Brief zu schreiben. Voller Pathos und Kitsch, aber keinen Liebesbrief, nein nein, davon möchte ich mich abgrenzen. Keinen Liebesbrief, weil darin das Wort „Liebe“ steckt und Liebe, das ist so ein weites Feld, wie Vater von Briest sagen würde, dass es eine wirklich unzulässige Pauschalisierung wäre, diesen etwaigen Brief so zu nennen.

Ich schrieb die erste Seite voll, vom Heldendasein, von langen Geschichten und wirren Worten, in wirren Worten, aus irren Gedanken, und zerriss sie sodann, als ich mich nicht wagte, weiter über das, was geschehen war, zu referieren.
Nicht, weil es jemand nicht wissen sollte. Bloß aus der Angst, es könne auf Desinteresse stoßen.

Man könne die Worte und Zeilen überfliegen und sähe nur „große Liebe“, „Verlust“ und „Vertrauensbruch“ und bliebe vielleicht hängen bei „Bitte schlaf mit mir“ und der Begründung für „Ich habe Angst davor, dass du mich im Stich lässt“.
Man würde am Ende darüber lächeln, dass man eine wichtige Rolle spielt im Leben eines anderen Menschen, der vielleicht eine ebensogroße Rolle spielt, die Seiten zusammenfalten, in das Kuvert zurückschieben und sich vielleicht ein bisschen darüber wundern, wieso man nie nie niemals den Fehler begehen sollte, der Erste zu sein, der etwaige Liebesschwüre äußert.
Man würde den Umschlag weglegen, vielleicht an einen etwas besonderen Ort, würde die Musik aufdrehen und gegebenenfalls noch eine kleine Weile selig vor sich hinlächeln. Weil man unter Umständen doch von all dem Kitsch und Pathos ergriffen wäre.
Und man hätte nichts verstanden. Vielleicht.

Einen etwaigen Brief zu verfassen ist vielleicht nicht so hübsch anzusehen, aber es ist doch eine subtile Absicherung; versteckte Botschaften, die hinter jeder Ecke, jedem Satzzeichen lauern.
Sie wollen entdeckt werden, aber wenn jemand sie nicht entdeckt, dann kann man es ihm nicht nachtragen, da sie ja nun einmal versteckt waren.

Dabei ist es gar nicht mein Stil.

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