Putzkittel sind degradierend

Ich bin ja nun seit etwas mehr als einem Monat als Gebäudereinigungskraft tätig – umgangssprachlich auch „Putze“ genannt – und wie man es sich vorstellt, muss auch ich während der Arbeit einen klassischen Putzkittel tragen.
Meiner ist aber richtig flippig! Nicht zu lang, figurumschmeichelnd und in einem satten dunklen Blau, das perfekt zu meinen Augen passt.

Nichts desto weniger ist auch mein Kittel ein Kittel; eine Arbeitsbekleidung, die mich ganz klar von jeder anderen Berufsgruppe abgrenzt und laut schreit: Seht her! Ich räume Euren Dreck weg!
Und das ist der springende Punkt.
Nicht nur, dass dieser Polyesterscheiß eine kleine Privatsauna ist, der man nicht entkommen kann, bzw. nicht darf, weil man ihn nun einmal tragen muss, nein.
Dieser Kittel, sei er noch so flippig, degradiert meine Person auf den Level, auf dem sich die gemeine Putze in der Vorstellung des gemeinen Pöbels befindet – nach ganz unten.

Zu meiner Erklärung:
Ich arbeite momentan in einer großen Bankfiliale, in deren Kassenhalle diverse Bäume stehen, die jeden Tag Hunderttausende von Blättern verlieren (es war sicher ein Mann, der sich den Scheiß ausgedacht hat) und die natürlich mehrmals am Tag weggefegt werden müssen, da sich die Kunden ja nicht fühlen wollen wie auf einem Komposthaufen. So kann man sich sehr leicht denken, dass ich mindestens an dieser Stelle mit den Kunden der Bank in Kontakt komme.
Während diese mit den adrett gekleideten Bankenheinis quaddern und sich wer weiß was für Kontofeatures andrehen lassen, schlurfe ich also in meinem Kittel durch die riesige Halle und kehre die Blätter auf.

Und ihre Blicke sagen mir, dass sie mich degradieren, degradieren wegen meines Kittels; dass sie sich denken „So jung und schon so am Boden“ oder Ähnliches; dass sie an zu frühe ungewollte Schwangerschaften und abgebrochene Schullaufbahnen denken, aber mit Sicherheit niemals auf die Idee kämen, dass ich einen besseren Schulabschluss habe als die meisten von ihnen und diesen Job nicht einmal nötig habe, sondern ihn lediglich deswegen ausübe, weil ich zufällig an ihn herangekommen bin und es die schnellste Möglichkeit war, zu arbeiten.

Ich warte ja noch auf den Tag, an dem es irgendein Vollidiot wagt, mir seinen Müll vor die Füße zu schmeißen und einen gehässigen Kommentar abzulassen.
Und ich hoffe, dass ich zu jenem Zeitpunkt keinen Wischer mit einer Metallstange in der Hand habe, sonst könnte ich sicher nicht dafür garantieren, dass ich meinen Job behalten würde.

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