Zwischen Freude und Verzweiflung tanzt das Leben

Diesertage, das wisst Ihr selbst, ist es Sommer und ich habe beschlossen, diesen Sommer zu einem weiteren Sommer meines Lebens zu machen, erinnerungswürdig, ereignisreich, voller persönlicher Prägungen.
So wie einst der Sommer 2003 es war, in dem ich beschloss, an meinem 14. Geburtstag sollte mein Leben, das mit 13 begann, beendet sein. Also nicht im Sinne von Suizid, nicht dass Ihr mich falsch versteht! Nein, ganz klassisch, indem ich intuitiv wusste, dass nichts so sein würde wie im Jahr zuvor, dass bis dato das schönste Lebensjahr für mich gewesen ist, wenngleich auch eines der Schwierigsten.

Nun ist es 2010, ich bin 21 Jahre alt geworden, international volljährig und gesetzmäßig völlig frei, mir zu jeder Tages- und Nachtzeit die Birne volllaufen zu lassen; vollends strafmündig und in jederlei Hinsicht für mich selbst verantwortlich. Aber ist das nun wirklich etwas Neues?
Ich, die jenige, die einen Reizmagen hat und nach maximal dem vierten Bier kotzend vor dem Klo hängt. Ich, die schon ab der ersten Klasse in der Schule eigenständig ihre Brote schmieren und alsbald ihr Mittagessen zubereiten musste. Ich, die ihre Scheißebaukarriere schon bis zum Sommer 2003 hinter sich gebracht hat. Ich, die sich sowieso keinen Aufenthalt in einem Land leisten kann, in dem man erst ab 21 offiziell Alkoholika genießen darf.
Mit dem Alter hat sich also nichts verändert, nicht offiziell jedenfalls.

Persönlich kann ich sagen, dass sich das Lernen und Streben und der enorme psychische Druck des letzten halben Jahres ausgezahlt haben. Nun bin ich frei, in jederlei Hinsicht, zumindest vom Kopf her.
Die Bewerbungen an diverse Universitäten sind schon seit zwei Wochen abgeschickt und nun warte ich sehnsüchtig auf den einen Bescheid.
Dieser Bescheid soll die Bestätigung der ZVS sein, die mir sagen wird, dass ich ab dem 01. Oktober Psychologie in Kiel studieren darf. Mein Traum, mein Leben, zumindest so, wie ich es mir vorstelle. Dafür habe ich gearbeitet und gekämpft und sollte es nicht gereicht haben, wäre ich durchaus sehr traurig.
Doch auch Kiel ist mein Traum. Diese fremde Stadt, die ich bisher nicht einmal in meinem Leben besucht habe; dieses Neue, was sich mir erschließt, die Unabhängigkeit, die Selbstständigkeit. Und deshalb habe ich mich dazu entschlossen, meine Zukunft nicht von diesem einen Bescheid abhängig zu machen, nein.

Ich stehe in den Startlöchern. Ich habe schon die erste Umzugskiste gepackt, obwohl ich nicht einmal eine Wohnung habe. Ich habe solches Fernweh und mich in meinem ganzen Leben wissentlich noch nie so sehr auf etwas gefreut, nicht auf Weihnachten oder meinen Geburtstag oder einen Urlaub, wie ich mich nun auf diesen Umzug in ein neues Leben freue. Ich gehe mit Herzklopfen ins Bett und wache mit Herzklopfen auf, und wenn ich arbeite, sehe ich nicht den Staub auf der Treppe, sondern den Staub auf meiner Seele, den ich einfach wegwische, während ich gedanklich meine zukünftige Wohnung einrichte und träume, träume, träume.

Ernüchternderweise vergesse ich überdies nicht die Hitze und die Müdigkeit, die mich jeden Tag überfällt wie ein schwarzgekleideter Bandit, der versucht, mir auch die letzte Kraft zu rauben, die in meinem Körper steckt. Mit seinem Revolver an der Schläfe stehe ich nun jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe auf, nachdem ich aufgrund der zutiefst zermürbenden Hitze nur minimalen Schlaf bekommen habe, und beginne meinen Arbeitstag, der damit endet, dass ich verschwitzt und verklebt nachmittags zuhause ankomme, mich ins Bett werfe und den restlichen Tag verschlafe, ohne die Wäsche gewaschen zu bekommen, in die Apotheke zu gehen oder zum Finanzamt. Ohne Erfolg, der Bandit hält sich hartnäckig an meiner Schulter fest und drückt mit jedem Tag den Revolver fester an meine Schläfe (kommt Schläfe eigentlich von schlafen?).

Doch die Freude bleibt. Irgendwo in mir, wo alle körperlichen Kräfte nichtig sind und nichts Anderes zählt als die Gedanken und der Wille und die Intuition und das Wissen, dass es gut sein wird.

Es wird ein harter Sommer und das Leben wird noch eine Weile zwischen Freude und Verzweiflung tanzen.
Doch es wird einer der schönsten Sommer dieses Lebens sein und im Herbst sitze ich auf der Fensterbank meiner Kieler Wohnung, trinke meinen Kaffee und lese all die Bücher, die ich schon immer lesen wollte psychologische Sachtexte und Gutachten und es wird nicht schöner sein können.

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