Eine Hommage an den Schreibtisch

Mein Schreibtisch,

als ich Dich das erste Mal sah, da war es um mich geschehen. Ich wusste, Du warst der, den mein Opa auch besessen hatte und ich fühlte mich, in Gedanken an ihn, gleich verpflichtet, Dich zu hegen und zu pflegen, an Dir die wichtigsten Aufgaben zu verrichten und Dich mit Gerümpel zu befüllen, Dass du bald aus allen Nähten platzest.
Ich saß von jeher auf dem Stuhl, der einst meinem Opa gehörte, vor Dir und schrieb und zeichnete und saß auch einfach nur da… Eben auf diesem Stuhl, der für Dich gedacht war, der immer zu Dir gehören sollte.

Dass Du allerdings der Schauplatz einiger nicht unwichtiger Tragödien meines jungen Lebens werden solltest, das war nicht geplant.

So schrieb ich meine ersten tiefgründigeren Gedichte auf Dir und versteckte sie in der hintersten Ecke Deines rechten Schrankes. Nein, ich schwindle. Dahin kamen sie erst, nachdem ich sie irgendwann, als ich Dich abstaubte, unter deiner ledernen Schreibunterlage wiedergefunden hatte.
Und es waren nicht nur Gedichte. Es waren kleine Bildchen, die ich zeichnete oder auch wildes Gekritzel und Geschreibsel, was ich in einer Art Trauertrance so oft produzierte.

Hach, mein lieber Schreibtisch, Du hast so viel mit ansehen müssen, dass ich mich manchmal dafür schäme. Doch Du bist mein treuester Gefährte, treuer selbst als mein Bett, das sorgsam allen schlaflosen Nächten standgehalten hat.
Auf Deine Platte habe ich so oft meinen Kopf gebettet; hart bist Du zwar, zerkratzt, Deine Schranktüren klemmen, doch Du bist aus so wunderschönem Nussbaumholz, so hübsch verziert, Dich kann man einfach nur immer wunderschön finden.

Und sperrig bist Du – was es für ein Akt war, Dich damals in die Wohnung zu tragen, dann wieder aus ihr heraus, in die nächste herein; immer müssen wir Dir deine Füße abmontieren, und sie sind das einzige, was man Dir so einfach nehmen kann.

Mein Schreibtisch, dieser wirst Du immer bleiben, so lange, bis Du selbst Dich dazu entschließt, in den Ruhestand zu gehen. Und wehe Dir, das passiert vor meinem eigenen Ruhestand! Aber so massiv wie Du geschaffen bist, wird das sicher nicht passieren.

Bald, mein Schreibtisch, vielleicht schon im nächsten Sommer, das verspreche ich Dir, wirst Du einen neuen Anstrich erhalten, dann werden Deine Kratzer und Macken veraschwinden und Du wirst in neuem Glanze erstrahlen.
Das bin ich Dir schuldig, nach all den Jahren, in denen ich an Dir geliebt und gehasst, gelacht und gewütet und geweint habe.

Was auch jeder andere sagen mag: Du bist und bleibst der schönste Schreibtisch der Welt!

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