Wenig Zeit für Muße.

Aktuell arbeite ich an meinem Abitur und entgegen jedes Laumalocher-Klischees kann ich guten Gewissens sagen: Ja, ich arbeite hart.
Es war ein großer Schritt bis hierher, ich habe es in der Schule viele Jahre schwer gehabt und ich habe auch mehr Zeit verloren, als man guten Gewissens verlieren kann, aber ich bin kurz vor dem Ziel.
Doch dieses Ziel, ich habe schwer daran zu beißen.
Es ist ja nicht allein mit dem Abitur getan – es zählt doch das Danach! Ich mache mir seit Monaten viele Gedanken über etwaige Studienmöglichkeiten und prinzipiell steht meine Entscheidung fest, doch allein die aktuellen Streiks deutscher Studierender um das Bachelor-/Master-System und der Bildungspolitik im Allgemeinen lassen mich stark daran zweifeln, ob meine Wahl die richtige sein wird.
Viele sagen mir zwar – und Statistiken bestätigen es regelmäßig -, dass es genügend Studenten gibt, die mit der Wahl ihres Studienfaches unzufrieden sind und es deswegen nach den ersten Semestern wechseln. Aber dies bedeutet wieder Zeitverlust, und den kann und will ich mir vor dem Eintritt ins Berufsleben nicht mehr erlauben!

Ich bin 20 Jahre alt. Nach vollendetem Bachelor-/Master-Studium und Referendariat werde ich mit schätzungsweise 28 Jahren fertige Lehrerin sein; wenn ich gut durch das Studium durchkomme.
Im Weg stehen mir Slogans wie „Nur Chuck Norris schafft diesen Bachelor“ und das nachzuholende Latinum.

Was eigentlich noch schlimmer ist als das generell schon schwammige Bildungssystem, ist die NC-Logik, die viele Hochschulen an den Tag legen.
Bspw. hörte ich von dem Gerücht, an der TU Dortmund könne man aktuell Psychologie mit einem NC von 2,8 oder 3,1 mit zwei Wartesemestern studieren. Tatsächlich soll der NC aber zum nächsten Semester hin drastisch angezogen werden, sodass er wieder bei 1,x liege. – Sinn?

Und für mich gibt es ein nicht enden wollendes Dilemma zwischen Studienwahl und Abiturprüfungen, zwischen unterrichtsfreier Zeit und Arbeit am laufenden Band.

Sagte ich eben unterrichtsfreie Zeit?
Was zur Hölle soll das sein, dieses schöne Paradies vor dem Abi mit den vielen Partys und den Lerngruppen, die sich unter der Hand nur für die gemeinsame Wochenendplanung interessieren?
Laut offizieller Informationen über das Zentralabitur 2010 gibt es eine zweiwöchige unterrichtsfreie Zeit: die Osterferien.
Ich werde also genau zwei Wochen Zeit haben, um mich intensiv und täglich auf meine Prüfungen vorzubereiten; genau zwei Wochen, in denen ich nicht mit täglichen Hausaufgaben konfrontiert werde, die ich ja zusätzlich zum normalen Lernpensum auch zu erledigen habe.

Und wer jetzt sagen möchte „Mein Kind, das Leben ist kein Ponyhof“, dem kann ich nur erwidern: Ich habe nie daran gezweifelt, dass das Abitur viel Arbeit bedeutet und ja, ich weiß, dass es im Studium noch härter werden wird.

Das einzige, was ich an dieser Stelle fordere ist ein bisschen mehr Zeit für mich selbst, bevor ich zur gefühlskalten, neurotischen Lernmaschine werde.

Nur ein bisschen Muße, nur ein bisschen Ich. In einem halben Jahr. Für vier Monate.

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